Engadiner Post vom 31.07.2010 v. Erna Romeril
«Öffne den Schnabel»
Auftritt der Jazz-Gruppe «Ephatha»
Rhythmischer Jazz mit überzeugenden Sängerinnen und Gedichtsvorlesungen waren in der Zuozer Kirche San Luzi zu sehen und zu hören.
Am letzten Sonntag hat in der reformierten Kirche San Luzi in Zuoz eine Kulturveranstaltung mit dem Titel «Am Anfang war… Jazz – Lyrik – Kabarett » stattgefunden. Die Besucher erlebten eine Musikdarbietung mit Lyrik auf höchstem Niveau gestaltet vom Zuozer Pfarrer Lothar Teckemeyer und der Jazz-Gruppe «Ephatha» unter der Leitung des Kirchenmusikdirektors Wolfgang Teichmann. «Ephatha» heisst auf Altgriechisch «Öffne den Schnabel» und die neun Musiker des Jazz-Ensembles haben durchwegs mit ihrer Freude am Ton und Klang, den genialen Improvisationen und der kompetenten Leitung Wolfgang Teichmanns überzeugt. Pfarrer Lothar Teckemeyer überraschte die Zuhörer schon ganz am Anfang, als er mit einer Clownnase und rosaroten Hosenträgern eine kabarettistische Einlage bot. Fantastischer, rhythmischer Jazz mit überzeugenden Sängerinnen wechselten sich anschliessend ab mit Vorlesungen verschiedener Gedichte durch Lothar Teckemeyer; Gedichte, die alle aus der Feder des Zuozer Pfarrers tammen und als moderne Lyrik bezeichnet werden können. «Meine Lyrik zielt auf eine Verdichtung biblischer Themen», so Teckemeyer zu seinen Texten. Im Gegenteil zu einer Predigt, wo der Pfarrer ein Thema ganz nah und ausführlich betrachtet, bestehen Teckemeyers Gedichte aus einer Reduktion auf das Wesentliche, oft nur noch auf ein Wort. So hat die Vorlesung des Gedichtes «Es…», wo die vorgelesenen Wörter des Textes von den Band-Mitgliedern in wildem durcheinander wiederholt, nur halb wiedergegeben oder geflüstert wurden, eindrücklich demonstriert, wie tagtäglich gebrauchte Floskeln und Aussagen sich durch ständige Wiederholung ins Nichts auflösen. Eindrücklich war auch die Vorlesung mit einer spontanen Trompetenimprovisation über das Ausgegrenztsein.
Der Musiker, der zuerst in einer Ecke der Kirche spielte und sich dann, parallel zum Text, zum Mittelpunkt hin bewegte und sich dementsprechend entfaltete, interpretierte das Gelesene mit seinen sensiblen Tönen.
Das Duo Teckemeyer/Teichmann ist im Engadin als Macher verschiedenster Musicals in der Kirche bekannt. Dieses Zusammenspiel von Lyrik und Jazz war im Engadin jedoch erstmalig, findet aber in Deutschland grossen Zuspruch. Wolfgang Teichmann ist mit seiner Jazzgruppe «Ephatha » in Norddeutschland ein bekannter Name und für seine experimentelle und junge Gottesdienstmusik berühmt.
«Ephatha» überzeugte.
Warum „Jazz in der Kirche“?
Jazz lebt von der Kunst der Improvisation. Die Musiker wählen ein musikalisches Motiv, zu dem sie mehr oder wendiger frei nach bestimmten Regeln improvisieren. Aufmerksamkeit tut Not. Nicht aus dem Rhythmus fallen, den richtigen Augenblick erwischen, auf den anderen achten. Hören und gehört werden. Wissen, dass bei meiner Improvisation mich die anderen tragen und ich nicht verloren gehe. Jazz ist sensibel werden für den Kairos, den Augenblick erfüllter Zeit. Wer musiziert und Musik hört, der kennt das: Ich werde im Gleichklang der Zeit überrascht. Ganz plötzlich, ergreift mich ein Klang, ein verzögerter Rhythmus, der Ton eines Instrumentes, ein unverhoffter Akkord oder die virtuose Kunst des Musizierenden. Musik gestalten und hören ist Einüben in den Glauben.
San Luzi
Zuoz