San Bastiaun
Wie alt die Kapelle San Bastiaun ist, wissen wir nicht. Es gibt Vermutungen, dass sie bereits in der Mitte des 13. Jh. erbaut wurde, die frühste urkundliche Erwähnung fällt in das Jahr 1472. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die im romanischen Stil erbaute Kirche noch älter ist. Zumindest muss es einen Vorläufer des jetzigen Kirchenbaus gegeben haben.
Warum? Wenn man vor dem Eingang der Kapelle steht, befindet sich links von der Kapelle ein vorchristlicher Kult- oder Fruchtbarkeitsstein.
Kurt Derungs stellt in seiner kulturhistorischen Abhandlung „Kultplatz Zuoz/Engadin“ dar, dass es sich dabei um einen „heiligen“ Stein handelt. Er war in vorchristlicher Zeit Mittelpunkt für Fruchtbarkeitsrituale. Die Form des Steines als Mutterschoss bestätigt Derungs These. Bis heute befindet sich im Spalt des Steines in der Regel Wasser. Falls der Stein trocken ist, klagen die Landwirte über mangelnden Regen. Auch das Ritual der Zuozer Kinder zu San Gian ist ein weiteres Indiz. Dann bespritzen die Jungen die Mädchen mit selbstgebauten Wasserpistolen. In diesem Brauch lebt im Kinderspiel das vorchristliche Ritual der Bitte um Fruchtbarkeit unreflektiert weiter. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man aktuell die Säkularisierung des Steines, aus dem Fruchtbarkeitsstein ist ein Vermessungspunkt geworden.
Direkt auf eine Ecke dieses Steines ist San Bastiaun erbaut. Wenn Sie die Kirche betreten und in die Linke Ecke des Gebäudes schauen, dann sehen Sie noch einen Teil des Fruchtbarkeitssteines. Im Zuge der Christianisierung ist es im wahrsten Sinne des Wortes zu einer „Besetzung“ des alten Brauchtums gekommen. Auf das vorchristliche Ritual wurde ein christliches “aufgebaut“. Eine „Inkulturation“ fand statt. Das Fruchtbarkeitsritual wurde durch die Missionare – wahrscheinlich iroschottische Mönche – umgedeutet. Aus dem Fruchtbarkeitsstein wurde ein Taufstein. In der mittelalterlichen Taufpraxis wurde „der alte Adam ersäuft“ (ein Untertauchen des ganzen Körpers in einem Wasserbecken war üblich) und der Täufling „aus der Taufe gehoben“, also neu geboren. Neues Leben „in Christus“ wurde ihm verheissen. In manchen Kirchen ist noch heute das Baptisterium mit Taufstein ausserhalb der Kirche. So wird deutlich, dass nur Getaufte das Haus Gottes betreten. Oftmals steht auch der Taufstein direkt neben dem Eingang, um zu symbolisieren, dass mit der Taufe der „Eintritt“ in die Kirche geschieht, ein „neues Leben mit Christus beginnt.
Die Zahlenmystik der Architektur und der Fresken
Der nach Südosten gerichtete Bau der Kapelle besteht aus einem quadratischen Langhaus und einem gleichfalls quadratischen Chorraum. Wenn Sie die Quadrate mit Ihren Schritten durchmessen, dann entdecken Sie, dass das Kirchenschiff ca. 7 m bemisst, der Chorraum etwa 4 m. Der Chorraum hat eine Höhe von ebenfalls ca. 4 m, er ist also nicht nur quadratisch, sondern bildet einen Würfel mit Kreuzgewölbe. Die Ausmasse der Kapelle verweisen uns auf die mittelalterliche Zahlenmystik. Die Zahlen drei und vier bestimmen den Bau. Die Dreiheit von Breite, Höhe und Länge ergeben die Vierheit des würfelförmigen Chores. Drei plus vier (gleich sieben) ergibt die Länge und Breite des Schiffes. Bei genauerer Betrachtung der Fresken entdecken wir, dass auch hier sich die Zahlen drei und vier und deren mathematischen Kombinationen wiederholen.
Am Gewölbe in der Mitte des Chores ist der Christus als Pantokrator (Weltenherrscher) zu sehen. Sein Haupt ist umgeben von Sonnenstrahlen und einem Dreieck, dessen Eckpunkte rote Rauten bilden. Das Dreieck steht für die Trinität Gottes (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Gestreckter Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner rechten segnenden Hand sind ebenfalls Kennzeichen der Dreiheit Gottes. Umgeben wird der Pantokrator von den vier Erzengeln. In den Ecken sehen wir die Symbole der vier Evangelisten und die Darstellung der vier Elemente. An der linken und rechten Seitenwand finden wir die vier abendländischen Kirchenväter. Auf der Leibung des Chorbogens sind die Brustbilder der zwölf Apostel (3 x 4 gleich 12) mit Christus in der Mitte.
Die vier Erzengel haben folgende Bedeutung: Michael heisst übersetzt: „Der wie Gott ist“. Michael trägt die Seelen der Verstorbenen sanft ins Himmelreich. Er kämpft gegen das Böse und die Dämonen und wird oft mit Schwert und Rüstung dargestellt. Gabriel, der zweite Erzengel bedeutet: „Meine Stärke ist Gott“. Er ist der Engel der Hoffnung, der Reinheit und Spiritualität. Raphael, der „Heiler Gottes“ ist der Engel des Wissens und der Heilkraft. Er sorgt sich um Kranke und Gebrechliche. Uriel heisst aus dem Hebräischen übersetzt „Gott ist mein Licht“. Er ist der Engel der Prophezeiung und Offenbarung.
Die vier Evangelisten sind durch ihre Symbole dargestellt: Ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas und der Adler Johannes.
Die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde sind neben den Symboldarstellungen der vier Evangelisten zu sehen.
Die vier Kirchenväter an den Seitenwänden des Chorraums schreiben alle an Schriftrollen. Sie weisen auf ihre theologischen Werke hin. Ambrosius, 339 in Trier geboren, ist der älteste. Er war bis zu seinem Tod (397) Bischof in Mailand. Hieronymus, 347 geboren, stammte aus Dalmatien, ist bis heute deshalb bekannt, weil er die Vulgata verfasste, eine Bibelübersetzung in das gesprochene Latein der damaligen Zeit, ebenso übersetzte er einige Schriften des Alten Testaments ins Lateinische. Augustinus , geboren am 13. November 354 in Tagaste, hat die mittelalterliche Theologie stark mitgeprägt. Seine „Bekenntnisse“ (Confessiones) gehören zu den einflussreichsten autobiographischen Texten der Weltliteratur. Gregor I wurde 540 in Rom geboren. Er ist der einzige Papst unter den Kirchenvätern. Fälschlicherweise wird ihm die Urheberschaft des gregorianischen Chorals zugeschrieben; allerdings hat er wesentlich das katholische Messbuch und die Liturgie mitgeprägt.
Die vier Elemente und die vier Evangelisten sind als Symbole, wenn auch nur fragmentarisch, gut zu erkennen, hingegen lassen sich die Erzengel und Kirchenväter nicht eindeutig zuordnen.
Über dem Fenster ist Maria im blauen Gewand und von Engeln gekrönt mit dem Christuskind dargestellt. Vieles spricht dafür, dass die Kapelle San Bastiaun ursprünglich eine Marienkapelle war. Es gibt Dokumente aus dem Jahre 1482, in denen sie unter dem Doppeltitel St. Maria und Sebastian erwähnt wird.
Die Geschichte der Kapelle nach der Reformation
Nach der Reformation (in Zuoz durch Gian Travers 1556 eingeführt) wurde die Kapelle als Gotteshaus aufgegeben. Wir wissen, dass sie als Gerberei genutzt wurde, aber auch als Lagerraum. Im letzten Jahrhundert diente sie hauptsächlich als Weinlager, bis sie im Jahre 1963 von der politischen Gemeinde übernommen, archäologisch untersucht und restauriert wurde. Die wertvollen Fresken im Chorraum und an der Stirnseite des Kirchenschiffes konnten gerettet werden. Das Motiv des Radkreuzes (unterhalb des Fensters an der Stirnseite des Chores) wurde ergänzend an den sonst schlichten Wänden des Kirchenschiffes aufgetragen. Es ist ein altes vorchristliches Licht- und Sonnensymbol sowie ein Zeichen für den Jahres- und Lebenslauf. In der christlichen Kunst steht es für lebens- und lichtbringende Herrschaft des Christus über die Welt. Kreis und Vierheit der Kreuzesbalken deuten das an.
Beeindruckend sind auch die Fenster, die Gian Casty, ein Zuozer Künstler, im Rahmen der Restaurierung neu entworfen hat. Er wiederholt die Dreiheit Gottes im Chorraum mit Darstellungen der Geburt, der Kreuzigung und der Auferstehung Christi. Im Kirchenschiff finden sich die Gegenüberstellungen von „Gut“ (Schaf) und „Böse“ (Schlange).
Die Arvenklötze sind eine Spende der Familie Schulthees, Meggen, aus dem Jahr 2008. Sie greifen die Zahlensymbolik der Kirche auf. In Höhe, Länge und Breite der Klötze findet sich das Zahlenverhältnis drei zu vier wieder. Die 24 frisch zugeschnittenen Klötze werden durch einen alten, abgelagerten ergänzt. Sie sollen an Christus und an seine Gemeinde erinnern. Sie haben keine feste Anordnung, sondern können immer wieder neu „aufgestellt“ werden.
Die Nutzung der Kapelle
Aktuell finden in den Sommermonaten Juli und August regelmässig Andachten sowie ein Taize-Gottesdienst statt. Die Kapelle ist auch Aufführungsraum für Theater, Lesungen sowie der Ort für gelegentliche Ausstellungen. Für Besichtigungen kann der Schlüssel im Info-Büro am Bahnhof ausgeliehen werden.
San Luzi
Zuoz