Die Kirche San Luzi
Hier in San Luzi hat Gian Travers um 1550 als Laienprediger seine vielbeachteten Predigten in romanischer Sprache gehalten und 1556 die Reformation eingeführt. San Luzi ist 1507 (nach dem Dorfbrand von 1499) in der heutigen Form im gotischen Stil erbaut worden. Doch erstmals urkundlich erwähnt wurde sie bereits 1139. Die Ursprünge des Baus weisen ins 13. Jahrhundert zurück. Der untere Teil des Turms und Mauerteile des Kirchenschiffes stammen aus dieser Zeit und sind im romanischen Stil erhalten. Kulturelle und geschichtliche Entwicklungen haben im Laufe der Zeit bis heute die Kirche geprägt. In einem kurzen Rundgang möchten wir Sie auf das Wichtigste des heutigen Bauwerkes hinweisen.
Der Gang durch die Kirche.
Entscheidendes haben Sie bereits hinter sich: Sie haben die Kirche betreten. Dabei sind Sie aus westlicher Richtung gekommen und sind in die Kirche gen Osten hineingegangen. Das ist nicht zufällig. Fast alle Kirchen, die im Mittelalter entstanden, sind „geostet“. Im Osten geht die Sonne auf. Dort ist Licht, dort ist das Leben. Im Westen geht die Sonne unter, hier ist es dunkel, hier sind, so die Symbolsprache, die bösen Mächte und der Tod, zu Hause. Zugleich sind sie beim Eintritt in die Kirche „orientiert“ worden (die Sonne geht im „Orient“ auf – Orient und orientieren haben denselben Wortstamm). Aus dem Reich des Todes kommend gehen wir dem Licht entgegen. Die Architektur der Kirche bringt so die wichtigste christliche Botschaft zum Ausdruck: „Christus ist auferstanden“. Er hat die Mächte des Todes besiegt. Weil als Tag der Auferstehung ein Sonntag bezeugt wird (dritte Tag nach der Kreuzigung), wird an jedem Sonntag ein kleines Osterfest gefeiert.
Wenn Sie genau hinschauen, wird Ihnen auffallen, dass der Chor nicht in der Achse ist. Er ist leicht nach Süden hin versetzt. Das ist in der gotischen Architektur einer Kirche nicht unüblich. Der Grundriss der Kirche bildete zugleich den „Körper“ Christi nach. Schauen Sie noch einmal auf den Grundriss, dann entdecken Sie mit ein wenig Fantasie die Darstellung eines Menschen. Der Chor ist deshalb nach Süden geneigt, weil so das geneigte Haupt des Gekreuzigten dargestellt wird. Sie sind also nicht nur im Haus Gottes, sie sind auch „in Christus“. „Ist jemand in Christus, so ist eine neue Kreatur.“ (2 Kor 5, 17) Auch der Taufstein und Abendmahlstisch ist nicht mittig aufgestellt, sondern leicht versetzt. Der Taufstein ist neben der Kanzel der wichtigste Ort in der Kirche. Im Wort Gottes und in den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls konstituiert sich die Gemeinde Christi. Im Wort und Sakrament ist Gott gegenwärtig.
Wenn Sie sich vorstellen, dass die Kirche ein „Corpus christi“ ist, dann ist dort, wo der Taufstein steht, im Christuskörpers die Kehle. Kehle heißt auf Hebräisch „Näfesch“ und bedeutet auch Seele. Im Alten Testament ist die Seele, die Kehle, das Beziehungsorgan zwischen Gott und Mensch. Gott gibt dem Menschen seinen Odem, er beatmet, er beseelt ihn. Die Anordnung des Taufsteins erinnert uns daran.
Bilder sind in reformierten Kirchen meistens nur als Fensterbilder zu finden. Davon gibt es in unserer Kirche sieben. Zwei sind ganz bekannt. Augusto Giaccometti hat zu den Titeln: „La spraunza - Die Hoffnung“ und „La charited - Die Nächstenliebe“ geschaffen. 1987 erstellte Constant Könz, noch ein wieteres Fenster im Chorraum mit dem Titel „La Cretta“ - Der Glaube. Es stellt die Begegnung der Samaritanerin mit Jesus am Jakobsbrunnen (Joh 4) dar. Alle drei Fenster erinnern an den Schlussvers des Hohen Liedes an die Liebe. 1. Kor. 13, 13: „Nun aber bleibe Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
Ein Fenster in der Westseite des Schiffes wurde von Gian Casty geschaffen. Es stellt die heiligen drei Könige dar. Es ist eine Spende einer zuozer Familie, die bei einem Lawinenunglück ihren Sohn verlor, im Gedenken an ihn wurde es gestiftet.
Das Rosettenfenster oberhalb des Eingangs stammt vom Bergeller Künstler Scartazzini, er war ein Schüler Augusto Giaccomettis. Es trägt den Titel „Der Glaube“. Bildlich wird hier das himmlische Jerusalem (Offenb, 21) dargestellt. Für das Begehen der Kirche haben die Fenster von Giacometti und Scartazzini eine besondere Bedeutung: Mit der Hoffnung und Liebe vor Augen gehen wir in die Kirche. Alles, was jetzt geschieht und was wir hören geschieht unter dieser Ausrichtung. Im Glauben und mit dem Blick auf ein himmlisches Jerusalem, der Stadt Gottes, verlassen wir die Kirche.
Im Dezenber 2009 wurde ein weiteres Fenster gestiftet. Es stammt ebenfalls von Copnstanz Könz. Es stellt einen Lebensbaum und zugleich ein lebendiges Feuer dar Es symbolisiert so die Gegenwart des Heiligen Geistes. Im Januar 2011 wurde das siebte Fenster fertig. Das abstrakt gehaltene Bild hat den Titel "Sabbatruhe".
In der Gesamtheit lassen sich alle sieben Fenster auch als Schöpfungsfenster deuten: Liebe, Hoffnung, Glaube, Weisheit (für die drei Könige). Gegenwart des Heiligen Geistes und Begegnung mit dem Fremden (Jesus und die Samaritanerin) sowie Ruhe sind die Grundhaltungen, die dazu diene, Gottes Schöpfung zu bewahren.
Warum überhaupt farbige Kirchenfenster? Im Mittelalter wollte man das Licht im Hause Gottes „göttlich“ gestalten. Wenn nun das normale weltliche Licht durch biblische Geschichten hindurch fällt, und durch sie gebrochen wird, dann wird es eben geheiligt, es wird zu Gotteslicht.
Zum Schluss noch die Antwort auf die Frage: Wer war San Luzi, nach dem die Kirche benannt worden ist?
Luzius (kurz Luzi genannt) war Priester, er gehörte dem Stamm der Pritanni an, die im nördlichen Teil Churrätiens (Ostschweiz) lebten. Im 5. und 6. Jahrhundert missioniert Luzius in der noch halbheidnischen Gegend von Chur. Der Glaubensbote wird schließlich erster Bischof von Chur. Anderen Überlieferungen zufolge war Luzius ein britischer König. Nachdem er sich zum Christentum bekehrt hatte, soll der König als einfacher Missionar nach Rätien gegangen sein, um dort das Evangelium zu verkünden. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Berichten um Legendenbildung.
Luzius Gebeine wurden im 8. Jahrhundert in die zu seinen Ehren erbaute Ringkrypta der St.-Luzi-Kirche in Chur überführt. Seine Verehrung in Graubünden ist seit dieser Zeit belegt.
Luzius bedeutet "der Leuchtende". Sein Namenstag ist der 02. Dezember. In vielen Darstellungen sehen wir Luzius in königlichen Gewändern mit Krone, Zepter und Reichsapfel, diese Darstellung entstand aus der Überlieferung, Luzius sei auch König gewesen. Weitere Darstellungen zeigen ihn mit Bär und Ochsen beim Pflügen. Dies geht zurück auf die Legende, Luzius habe einen Bären gezwungen den Pflug des Ochsen zu ziehen, den er gerissen hatte.
San Luzi
Zuoz